Nils

Zarte Seele, tappst auf leisen Pfoten davon.

Mein geliebter Nils. Im Herbst 2015 erhielt ich einen Anruf, dass ein Kaninchen vor dem Erschlagen gerettet werden müsste. Mit Zahnproblemen. Welche auch der Grund für deinen geplanten Tod seien sollen. Niemand wisse was Genaues, Übergabe da und dort.

Du warst ein Männchen, dein Fell flauschig und zart wie eine Wolke. Ich hab dich kennengelernt und du warst fortan mein Nils. Wie alle wilden Rammler musstest du kastriert werden und 5 Wochen warten, bis du zur Damenwelt durftest. Du hast auf meinem Balkon gelebt und durch das Fenster reingeschaut. Gebettelt, dass ich zu dir komme. Wenn ich bei dir war hast du dich vor Freude geschüttelt und meine Hand abgeleckt. Du warst mein Nils. Nach 5 langen Wochen bist du zur Tschipsi gekommen, meiner wilden Hasendame, die sich bislang mit noch niemanden vertragen hat. Du mit deiner zuvorkommenden, fröhlichen Art, die niemals Streit suchte, hast es geschafft, dass sie mit dir kuschelte. Tschipsi war aber schon eine ältere Dame und ist bald von uns gegangen. Ich habe dich mit Elvis vergesellschaftet, wobei zwei Rammler ja eigentlich nie klappen. Mit dir schon. Elvis war auch schon ein älterer Herr, er litt an EC und Schnupfen. Er konnte seinen Kopf nicht mehr aufrecht halten. Du hast dich um ihn gekümmert, immer deinen Kopf unter seinen als Stütze geschoben. Trotz deiner Jugend hast du diese vielen langweiligen Stunden mit einem alten Herren verbracht und ihm geholfen. Elvis musste auch gehen. Du hast dich danach mit Beppi angefreundet. Er war endlich ein aufgewecktes Bürschlein, ihr seid durchs Haus geflitzt, ja sogar stockübergreifend! Das war ein Spass. Frühmorgens schon habt ihr Freudensprünge gemacht.

Während dieser ganzen Zeit hast du oft zum Tierarzt müssen, Zähne schleifen. Da deine vorderen Zähne nicht aufeinander passten (durch Züchtung) wuchsen sie ganz schnell und mussten von der Ärztin gekürzt werden. Die Abstände zwischen den Tierarztbesuchen wurden immer kürzer (2 Wochen) und die Zähne länger. Du hast dich immer sehr geärgert! Das Handtuch in der Transportbox hin und her geschmissen. Es hat dir auch oft weh getan. Es tut mir leid Nils, dass du das ertragen musstest.

Vor einem Jahr bist du plötzlich an einem Schnupfen erkrankt. Du hast fast keine Luft bekommen. Irgendwie haben wir es mithilfe guter Menschen geschafft, dass du wieder frei atmen und hoppeln konntest. Aber nicht lange, denn deine Backenzähne haben Probleme gemacht. So große, dass dir eine gesamte Seite gerissen werden musste. Es war eine schwierige Operation und ich hatte sehr viel Angst um dich. Aber du hast dich erholt und tapfer weiter gefressen.

Beppi war leider auch nicht gesund. Sein Auge musste entfernt werden aufgrund von Eiter und später starb er an den Folgen einer Narkose. Du hast schon wieder einen Freund verloren. Du warst dabei als Beppi gestorben ist, du hast es miterlebt.

Du kamst dann zu Leonie, die dich sofort mochte, obwohl sie auch eine garstige Hexe sein kann. Du hast dich nicht nur problemlos mit allen vertragen, du hast auch bei Vergesellschaftungen geholfen. Wenn wir die Gruppe vergrößert haben, hast du immer dafür gesorgt, dass nicht gestritten wird, bist dazwischen gegangen und hast dich unterworfen. Mit Leonie hast du sehr viel gekuschelt, da sie eine größere dicke Häsin ist, bist du oft fast ganz neben ihr verschwunden.

Zu dieser Zeit haben deine Nierenprobleme begonnen. Du hast dich bei Elvis mit EC angesteckt, welches sich bei dir nicht im Schiefkopf ausgewirkt hat sondern in einer chronischen Niereninsuffizienz. Dir war oft schlecht, hast mehrere Tage nicht gefressen, hattest einen Blähbauch und musstest sehr viel trinken.

Danach ertasteten wir bei dir mehrere Kieferabszesse, die immer wieder ausgedrückt werden mussten. Das hat dir auch sehr weh getan, jedesmal. Es tut mir leid.

Und vor zwei Wochen ist dieser furchtbare Schnupfen wieder gekommen. Du hast keine Luft mehr bekommen. Ich habe Tag und Nacht neben dir gewacht, alle 2 Stunden deine Nase gespült. Du warst so arm. Wir haben das Antibiotikum versucht, welches dir letztes Jahr geholfen hat. Dieses Jahr hat es dich komplett zerstört. Du hast nur mehr geschlafen, dein Bauch war wie ein Ballon und der Schnupfen verbesserte sich nur minimal. Trotzdem, ich hätte niemals aufgegeben. Eine so gute Seele wie deine, die sich immer um andere gekümmert hat, verdient es dass sich auch jemand um sie kümmert, mehr als das. Und tatsächlich, nach einer Woche durchwachten Nächten und Massieren und Füttern schien es bergauf zu gehen.

Wir waren sogar noch einmal Zähne schleifen und die Ärztin sagte, du zeigst Lebenswillen. Da hab auch ich meinen wieder gefunden trotz all der Strapazen und war so froh, dir helfen zu können. Vor drei Tagen aber wurde es wieder schlechter. Du hast nicht mal mehr deinen Brei geschleckt, auch das Trinken hat nachgelassen. Du wolltest nicht mehr kuscheln und hast viel geschlafen. Deine Kräfte schwanden. Ich hab mich mit dir in die Sonne gesetzt. Dir weiterhin ganz behutsam die Nase gespült. Dir versucht, Brei einzugeben. Dich gestreichelt. Einfach nur dagesessen. Mut gebend, aber viel öfter verzweifelt. Deine Augen waren nur mehr klein statt fröhlich. Diese Fröhlichkeit, wie du mit Beppi durchs Zimmer gerannt bist.

Du hast Schutz bei mir gesucht, obwohl ich dich zu so vielen Dingen „gezwungen“ habe, Brei, Niesen, Nasenspülungen, alles Dinge, die nicht fein für dich waren. Du warst nur mehr ein Häufchen Leben und hast mir verziehen.

Heute musste ich eine Entscheidung treffen. Eine Entscheidung die schrecklich ist, zu der ich mich nicht im Stande sehe und die ich niemals treffen möchte. Entscheidungen habe ich jede Nacht getroffen – in dem ich bei dir war und dir geholfen habe -aber die heutige Entscheidung war eine, die immer zu groß für mich sein wird und die sich anfühlt wie Verrat.

Meine Tierärztin hat dich gefragt, ob es ok ist. Und ich weiß nicht, ob das für mich war oder für dich, aber es war ok. Du bist eingeschlafen und gestorben.

 

Ich musste dich Nils, die reinste, zarteste Seele, die ich je kennenlernte, heute gehen lassen. Du hast niemals jemanden verletzt, niemals Streit gesucht, alles tapfer ertragen und bist auf andere immer unvoreingenommen und voller Liebe zugegangen, auch wenn sie dir weh getan haben. Du warst einer unter einer Million. Und du durftest nur drei Jahre alt werden. Du musstest an Zahnfehlstellung, Zahnverlust, Eiter, Abszesse, EC, Niereninsuffizienz, Verdauungsbeschwerden und Schnupfen leiden. Du musstest leiden, obwohl du niemals etwas Schlechtes gemacht hast. Es scheint mir, als ob der Tod dich auf alle möglichen Arten holen wollte und wir es bis zum heutigen Tage nicht zugelassen haben. Es scheint mir, als wäre mit dir mein letztes Fünkchen Hoffnung und Beweis für die Existenz des Guten, für eine Art Gerechtigkeit im Leben gegangen. Momentan suche ich, ich suche nach jemandem der dir gleich ist, aber es gibt niemanden, ich fühle mich zurückgelassen Nilsi. In einer Welt, in der soviel Schlimmes passiert.

Trotz all der Bemühungen konnte ich dir nicht genug helfen. Es tut mir so leid. Das Leben ist brutal, oftmals wie eine Schlacht. Dein Tod bestätigt mir leider, dass nichts gut wird. Dass nichts fair ist. Ich bin verzweifelt dass du nicht mehr da bist, es ist wie ein Suchen im Leeren. Das Zimmer, der Alltag, das Herz, leer.

Du hast dich immer geschüttelt wenn du mich gesehen hast, Futter gefordert, du warst ein fröhliches, gutmütiges, wunderbares Wesen. Worte können meinen Schmerz nicht beschreiben. Über dein Gehen, über das, was du ertragen musstest. Es tut mir leid Nils.

 

Ich danke dir, dass du bei mir warst. Dass du mich ausgesucht hast, dass ich dir helfen durfte. Dass du so vielen meiner Kaninchen geholfen hast. Dass du mir was gelernt hast. Die Liebe, die ich für dich empfinde und die du zurücklässt. Ich behalte dich im Herzen, so wie alle meine Kaninchen. Ich bin untröstlich.

Das Leben geht weiter, der Schmerz bleibt.

 

 

Im Bild: Beppi und Nils 

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