Kleidertauschparty

Giftige Mode – Leid mit in Kauf genommen – ein Vortrag von Nunu Kaller

Beim Einkauf auf cruelty free zu achten gilt nicht nur im Bereich Kosmetik. Das wurde mir während eines Vortrags der ichkaufnix.com Bloggerin Nunu Kaller mehr als klar. Ihre prägnante Einleitung: In der Herstellungskette eines Tshirts sind alle Negativfaktoren der Globalisierung enthalten. Es sind alarmierende und erhebliche Faktoren, über die es zu berichten gilt und die einen fairen Kauf oder noch besser, gar keinen Kauf, rechtfertigen.

Nunu Kaller hatte die Schnauze voll. In einer schweren Zeit haben sich ihre Ich-belohn-mich-Käufe gehäuft, als sie daheim vor dem Spiegel vorbeikam, war es aber mit der Freude dann schon wieder vorbei, zu kurz die Befriedigung. Deshalb hat sie einfach damit aufgehört. Sich geschworen, ein Jahr lang keinen Klamottenkrimskrams zu kaufen. Um sich wo festzuhalten schrieb sie ihren Blog, der dann unerwartet durch die Decke ging. Sie begann radikal auszumisten, entdeckte ihre Freude am Verschenken von „Kleidungsstücken mit Geschichte“, organisierte private und öffentliche Tauschparties und das Wichtigste: Nunu recherchierte und machte transparent, was hinter der Massenware Billigmode eigentlich steht. Im Folgenden gebe ich ihren Vortrag in meinen Worten wieder:

Nun, wie kann es sein, dass im Primark ein Shirt drei Euro kostet? Dies lässt sich so herleiten: Die Arbeitskräfte sind dort am Billigsten, wo die meisten Leute auf kleinstem Platz wohnen, in Bangladesh. Der Monatslohn dort wurde von 30 auf 70 Dollar angehoben. Die Näherinnen von jung bis alt wohnen in Slums, arbeiten viele Stunden täglich. Jede macht eine Naht, dann wird das Stück an die nächste weitergegeben. Nein, es machen keine Maschinen, es machen wirklich Menschen, Maschinen wären nämlich teurer. Um die Endpreise niedrig und das Marketing präsent zu halten, muss nicht nur an den Löhnen eingespart werden. Auch die Arbeitsplätze sind desolat, einsturzgefährdet und nicht brandsicher. Wir erinnern uns an den Gebäudeeinsturz in der Nähe von Dhaka 2013, der in wirklich allen Medien war. Also sagt nicht, ihr habt es nicht mitbekommen. Es wurden 1127 Menschen getötet und 2438 verletzt. Wie auch in anderen Bereichen zucken viele Geschäftsbosse die Schultern und sagen, sie haben ihre Handelsverträge abgeschlossen, was eventuelle Sublieferanten machen, können sie nicht beeinflussen. Sie könnten es, billiger und bequemer ist es aber, seine eigenen Hände in Unschuld zu waschen nachdem man unterschrieben hat.

Nunu erzählte auch von den indischen Baumwollbauern, denen vor Jahren gentechnisch verändertes Saatgut angeboten wurde. Mit dem Versprechen, damit den dreifachen Ertrag zu erhalten. Die Bauern waren erfreut, kauften auf Kredit neues Land. Das neue Saatgut war allerdings einjährig. „Schädlingsresistent ist das Saatgut“, sagten sie, aber nein, der Kapselbohrer passte sich an. Monsanto und Co. meinten, kein Problem, auch dagegen haben sie die Lösung. Sie produzierten speziell dafür Pestizide, die der Bauer erneut auf Kredit erwerben konnte. 96 % des weltweiten Baumwollanbaus sind inzwischen gentechnisch verändert. Ein Viertel aller Insektizide landet auf Baumwolle. Die Böden sind durch diese Form der Landwirtschaft kaputt. Und die Bauern hoch verschuldet und verzweifelt. 300.000 – 400.000 Selbstmorde sind zu verzeichnen, die meisten durch das Einnehmen von Pestiziden.

Ein großes Thema für Nunu ist die Färbung. Greenpeace hat das giftigste Kleidungsstück weltweit gefunden und zwar in Österreich, ein Tommy Hilfiger Shirt welches zu einem Drittel aus purer Chemie bestand. Arbeitskraftausbeutung und Gift auf der Haut sind keine reinen Billigmodenmethoden. Auch namhafte Marken reihen sich ein. Gefärbt wird in China, weil dort die Umweltrichtlinien einiges zulassen bzw. nicht existieren. „An den Flüssen Chinas erkennt man die Trendfarbe der nächsten Saison“ sagte Nunu mit einem schaudernden Lächeln. Das tut weh. Wirklich. Es wird produziert und produziert mit Chemikalien, die unserem Naturkreislauf Jahrhunderte trotzen, im Meer landen, sich in der Luft fortsetzen und sehr schlimm: hormonell aktiv sind. Mehrmals erwähnte sie Nonylphynol, ein Tensid (leider auch in vielen Waschmitteln, Putzmitteln etc.. enthalten) auf der Billigkleidung, das in erster Linie zwar dem Träger nicht schadet, aber bereits beim erstmaligen Waschen in den Wasserkreislauf gelangt, durch Klärschlamm auf unsere Felder und so auch in unser Essen, aber fast noch schlimmer: Durch die hormonelle Aktivität beeinflusst es Wasserlebewesen, 80% der Fische werden so weiblich oder zu Zwittern.

Problem Outdoorbekleidung. Auch meine Ohren sind da ganz groß geworden, da ich schon seit vielen Jahren auf der Suche nach einem ethisch und ökologisch korrektem, daunen – und lederfreiem und wenn möglich ganz veganem Hersteller von Outdoorequipment bin. Es gilt: Je mehr Funktion, desto mehr Chemie. Für die Abweisung von Wasser und Schmutz werden perfluorierte und polyfluorierte Chemikalien (kurz PFC) verwendet, die sich bis ins arktische Polareis nachweisen lassen. Greenpeace hat die Detox Kampagne gestartet um Unternehmen aufzufordern, ihre Produkte bis 2020 zu entgiften. Sie möchten, dass die Firmen aus der Produktion mit Chemikalien aussteigen und ihre Abwasserdaten bekanntgeben. Viele Firmen haben bereits unterschrieben und auch ich werde mit Spannung verfolgen was umgesetzt wird, denn die Unternehmen müssen in diese Umstiege sowohl Zeit als auch Geld investieren und da sind wir wieder.. bei der Authentizität. Sie werben mit Natur und zerstören diese.

Nunu meinte das Traurige an der Sache ist: die Zielgruppe der Outdoorfirmen sind nicht wirklich die Hochalpinisten, an deren Bart die Eiszapfen hängen und deren Finger und Zehen abgefroren sind, es sind die URBAN OUTDOORs, die in der U-bahn frösteln und deshalb eine Daunenjacke wie ein Eskimo am Nordpol benötigen. Wahrscheinlich auch die, die um zum Supermarkt zu kommen den SUV anwerfen müssen. Hier wird ein Gefühl verkauft, nicht die Funktion. Ich bin sportlich, ich schaffe alles, ich kann es mir leisten. Es wurden bereits Tests mit PFC freien Materialien im hochalpinen Raum durchgeführt mit keinerlei schlechteren Ergebnissen.

Zwei Outdoormarken die bereits auf gutem Weg sind, sind PYUA die Outdoor-Bekleidung aus bereits recycelten bzw. recycelfähigen Polyester-Materialien herstellt und Páramo. Weitere Fairfashionläden Österreichs findet ihr im Greenpeace Fair Fashion Guide.

So, was kann man nun machen?

    • Einkäufe überdenken. Für das Thsirt für das du 3 Euro bezahlst, hat in Wahrheit jemand anderer bezahlt. Willst du wirklich Teil dieser Speedfashion Trendspirale sein? Das Shirt für das du weniger bezahlt hast als für einen Drink wirst du am nächsten Tag in den Müll werfen weil es verzogen ist und dir wieder was Neues kaufen müssen. Kaufst du bio und fair (remember: baumwolle) kaufst du Qualität und hast das Teil mehrere Jahre. Rein rechnerisch kommt dies auf das Gleiche raus und du produzierst weniger Müll. Unterstützt damit Biobaumwollbauern, faire Handelsmethoden, tust in weiterer Folge Gutes für Mutter Erde und das Meer.

 

    • Nicht so oft waschen. Ein ebenso großes noch nicht erwähntes Problem ist das Mikroplastik welches über die Waschgänge in unser Meer gelangt. Es gibt dort (bedingt auch durch Reifenabrieb) bereits mehr davon als Plankton. Mikroplastik sind kleine Fasern/ Partikel, die einfach nicht verrotten und überall durchkommen, enthalten auf Fleecebekleidung, Polyacryl und Polyester… wahnwitzigerweise auch in Duschgels. Biobaumwolle wäre auch hier die bessere Wahl, da diese schnell verrottet.

 

    • Wie bereits im Beitrag über LUSH erwähnt: Stehe Trends kritisch gegenüber. Bist du es dir wert, dass ein Fisch deine Plastikkügelchen frisst, nur weil es ein Promi es sich wert ist? Also ich bin es mir nicht.

 

    • Achte auf Gütesiegel und mach es selbst. Ein sehr verlässliches Siegel ist GOTS. Achte beim Stoffkauf darauf und hol deine Nähmaschine endlich wieder raus! Falls das gar nicht deins ist: Es gibt mittlerweile in jeder größeren Stadt Kunst – und Handwerksmärkte, auf denen sicherlich die ein oder andere bio und fair Näherin vertreten ist.

 

    • Mein Lieblingssatz des gestrigen Abends: Das ökologischste Kleidungsstück ist das, was nicht produziert wird. Heißt: Kaufs second hand, upcycle, verschenke oder tausch es. Wenn es nicht total versifft ist gibt es jemanden, der es weiter benutzen will und sich sogar noch drüber freut. Second Hand geht inzwischen bis zur Brautmode. Es gibt Anleitungen im www wie man aus alten geliebten Kleidungsstücken neue geliebte Kleidungsstücke näht.

 

Meine Lieblings – „Einkaufsart“ sind die Tauschparties. Es ist so aufregend! Mein Kasten ist 1,50m lang und 2,20 Meter hoch. Darin muss alles reinpassen. Ein Viertel davon sind Jacken, ein weiteres Viertel sind Pullis, wir leben nun mal über 1000 Hm. Ich möchte nie mehr Kleidung haben, als in diesen Kasten reinpasst. Und wenn ich beginne etwas rein zu quetschen, werd ich schon wieder aggressiv. Deshalb zwingen mich die Tauschparties regelmässig, alles durch zu sortieren und auszumisten. Nach und nach trenne ich mich dann auch von Stücken, die mit Emotionen verbunden sind. Am leichtesten, wenn ich sie persönlich mit Geschichte weitergeben kann. Bei der Tauschparty leere ich dann meinen Sack und fühl mich großartig, ein bisschen leichter geworden zu sein. Dann sehe ich allerdings wieder soviel, dass ich mit dem selben Sack vollgefüllt wieder nach Hause gehe. Stücke, die ich schon immer haben wollte. Einfach so. Gratis. Und sie passen ganz vielleicht noch rein, weil ich ja vorher ausgemistet habe. Da ich Zwilling im Sternzeichen bin und Veränderungen gerne mag, kann ich mich so für ein paar Wochen ganz anders stylen. Und wenn ich dann genug davon habe, geb ich sie bei der nächsten Tauschparty wieder in den Kreislauf.

Warum ich drüber schreibe? Weil mich nicht nur Tierschicksale berühren. Alles, was in unserer Zeit falsch läuft, unserem Planeten und schwächeren Wesen Schmerzen zufügt, alles was geändert werden kann aber durch bewusste Ignoranz noch nicht geändert wurde, alles, was die Masse zum Erschüttern bringt, muss laut ausgesprochen werden.

Ich habe viele dieser Dinge nicht gewusst. Nach dem Recherchieren der letzten Wochen (Lush und Greenpeace) steh ich mir selbst ziemlich kleinlaut gegenüber. Genau genommen komm ich mir gerade so vor wie in dem Moment als ich erkannt habe, dass rein vegetarisch nur die Spitze des Eisbergs ist und vegan wurde. Wieviel Plastik wir als Familie produzieren! Da wird mir ganz schlecht. Wieviel Chemikalien ich mir immer noch auf die Haut schmiere und auch in Kleidung käuflich erworben habe, was ich damit ins Meer schwämme! Ich dachte ich bin durchwegs cruelty free unterwegs und erkenne, dass dies ein viel weitläufigeres Thema ist.

Weiters ging mir der Vortrag nahe, weil man so viele Parallelen zum Thema Tierausbeutung ziehen kann. Alle wissen es, keiner will es wissen. Kauf im Primark, iss ein Schnitzel. Augen zu und durch. Für deine kurze Befriedigung soviel Leid „in Kauf“ zu nehmen.

Einer der Wege zur Veränderung ist Information, danach ist es eine Entscheidung eines jeden selbst. Ich entscheide mich jetzt nachdem ich es weiß: Ich achte bei meinen zukünftigen raren Kleidereinkäufen darauf, was ich wirklich damit bezahle.

 

Der Vortrag von Nunu Kaller wurde von Marcela Duftner organisiert, Gemeinderätin der Innsbrucker Grünen. Vielen Dank auch an den Veggie Treff Innsbruck für das vegane Buffet, Transition Tirol, Greenpeace, dem Leihladen und der Lebenshilfe für die Örtlichkeiten. 

nunu

 

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