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Die kleine Fliege und das Netz

Die Spinne hat eine Stunde an ihrem Netz gearbeitet. Sorgfältig hat sie weiche Fäden an bereits stabilere geklebt. Jetzt hat sie sich zur Ruhe gesetzt und wartet.

Eine kleine fröhliche Fliege ist unterwegs. Sie freut sich an den Blumen, dem Morgentau und erblickt das neue Netz. Sie ist fasziniert. In der Sonne kann man sehen wie sich die weichen Fäden langsam erhärten und stabil werden. „Ach, mir passiert das nicht“ denkt die Fliege und setzt ihre Füßchen auf das Netz. Sie bleibt kleben. Angst überkommt sie. Je mehr sie strampelt, desto enger ziehen sich die stabilen Fäden zusammen. Die Fliege weiß: Sobald ihre Anstrengungen frei zu kommen enden, kommt die Spinne und puppt sie lebendig ein um sie später zu töten. Irgendwie ist das Netz aber auch angenehm. Es ist warm, weich, man sieht die Sonne, das Gefühl verführt, sich einfach hinzugeben.

Die kleine Fliege hält kurz inne und überlegt. Die Spinne sitzt weiter weg und beobachtet sie zynisch. Plötzlich spricht sie mit ihr. „Du wagst es nicht. Niemals wagst du es. Solltest du es wagen, fällst du auf den Boden und erfrierst. Oder ein Vogel frisst dich. Deshalb genießt du es hier in meinem warmen, weichen Netz und deinem lächerlichen Gestrampel. Außerdem hängst du hier nicht alleine und das weißt du. All deine kleinen Insektenfreunde fallen mit dir wenn du es wagst. Diese Verantwortung würdest du nie übernehmen. Du bist so klein, so schwach, du bist nur eine unbedeutende Fliege. Niemand hilft dir. Du hast dich in dieses Netz begeben, jetzt bestimme ich dein Leben und den Zeitpunkt, an dem ich es beende.“

Die Spinne fühlt sich erhaben, ihre Fäden geben der Fliege eine scheinbare Sicherheit. In Wahrheit bedeuten sie Gefangenschaft mit Todesfolge. Die Spinne amüsiert sich, spürt Macht, genießt ihre Willkür und Unberechenbarkeit. Mitgefühl kennt sie keines. Geborgenheit im Netz des Todes.

Große Vögel fliegen vorbei. Einer sagt: „Fliege, wenn du möchtest dass ich durch das Netz fliege und es zerstöre, mache ich das. Du fällst dann aber und es kann passieren dass du und ein paar deiner Mitgefangenen dabei verletzt werden. Am Boden musst du abermals große Kraft aufwenden um dich von den dich bereits umgebenden Spinnfäden selbst zu befreien. Aber auch die Spinne fällt. Sie hat dann kein Netz mehr und sie hat dich nicht mehr. Sie wird alles neu machen müssen und du bist wieder frei. Frei mit dem Wissen dass Netze attraktiv, aber gefährlich sein können.“

„Was ist mit denen, die mit mir im Netz hängen?“ fragt die Fliege ängstlich, das ist ihre größte Sorge. „Sie fallen auch. Fallen heißt aber nicht immer sterben. In den meisten Fällen bedeutet es Neuorientierung. Was aber immer mit Mut und einem großen Kraftaufwand verbunden ist. Wir können den Moment planen um Vorkehrungen zu treffen, so dass niemand außer der Spinne unvorbereitet fällt. Es liegt an dir, ich warte auf dich. Wichtig ist, dass du dich entscheidest bevor die Spinne dich ganz sprach – und wehrlos gemacht hat.“

Es ist schwer. Die Fliege weint. Sie ist wütend. Es dauert. Die Spinne feiert. Sie liebt es den Regungen der Fliege zuzusehen, welche die von ihr verursachte Angst auslösen. Nachts schläft die kleine Fliege in ihrem Netz, auch bei Eiseskälte und auch wenn alle scheinbaren Vorteile des Netzes nicht mehr vorhanden sind. Wenn die Wahrheit spürbar ist. Das macht die Spinne sicher, dass die Fliege ihr ergebenes Opfer ist.

Tagsüber schaut die kleine Fliege zur Sonne, zu den Pflanzen und lächelt. „Schau wie gut es dir in meinem Netz geht, Fliege“ sagt die Spinne. Der Vogel, der manchmal vorbeifliegt beobachtet die Fliege aus der Ferne. Schaut die Spinne an. Und fliegt weg. „Nein…“ möchte die Fliege rufen.

Da kommt ein Windstoß.

Das Netz reißt.

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