Berlin, Berlin. Kein Kleingeist, aber Wildkaninchen.

Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein. So dreckig und grau. Du bist nicht schön und das weißt du auch, dein Panorama versaut. Peter Fox

 

Denkste. 

Berlin aus der Sicht einer aus dem Tiroler Hinterwäldlerland kommenden Veganerin.

Ich war schon mal in Berlin. Mehrmals. Immer hat mich etwas anderes hingezogen. Beim ersten Mal zum Beispiel war es Christiane F. Ihr Buch hat mich so derart entsetzt, dass ich es viermal gelesen und mir ihre Lebenswelt bis ins kleinste Detail vorgestellt habe. Tatsächlich bin ich dann alleine in Berlin zu ihren Schauplätzen geschlichen. Gropiusstadt, Bahnhof Zoo, sogar die Diskothek hab ich gesucht. Hab versucht mir vorzustellen wie es damals so war.

 

Diesmal war es der Ruf nach veganen Verköstigungen, Second Hand Läden und mein immer größer werdendes Interesse an der Arbeit mit Medien. Dies alles kann man in Berlin nämlich finden.

 

Um zum Songtext von Peter Fox zurückzukehren:

Berlin Tierpark veganinchen

Wir kamen um acht Uhr an, fuhren sofort zum Tiergarten (Park, kein Zoo!) und das erste, was ich mitten in der 3,7 Millionen Stadt gesehen habe, waren: Wildkaninchen. Ich dachte ich träume. In Tirol hab ich noch nie einen Feldhasen beobachten können und Wildkaninchen gibt es bei uns nicht. In einer unüberschaubar riesigen betonierten Millionenstadt hoppeln sie vor mir herum. In einem Gebüsch. Der Tiergarten ist ein riesiger Park, der ihnen perfekte Lebensbedingungen bietet. Sie können graben, es gibt genug Stauden und Buschwerk um darunter zu kauern. Berlin bietet so einiges an Wildlife. Laut NABU soll es hier auch Füchse, Dachse, Wildschweine und Waschbären geben. Auch das Vogelkonzert war vielstimmig und wir konnten einige Arten sichten. Das hat mich wirklich beeindruckt, weil ich das so nicht erwartet habe. Gut, es war 8 Uhr früh an einem Sonntag und der Große Stern so gut wie leer, wir konnten einfach drüber spazieren. Diese Grünzone ist für mich aber ein Punkt, an dem frau auch an gestressten Tagen aufatmen kann. Das Foto oben entstand an einem der zahlreichen Tümpel und Weiher.

Mitten drin, am leeren großen Stern steht die Goldelse, die Viktoria auf der Siegessäule. Gleich wie die Nike in Paris haben Frauen mit Flügeln etwas Majestätisches. Und ihr Gold leuchtet bei schlechtem Wetter, wie auch bei gutem.

Berlin Siegessäule veganinchen

Berlin Siegessäule veganinchen

Die Viktoria kehrt dem Brandenburger Tor den Rücken zu. Dieses ist einen kurzen Fußmarsch entfernt, den man entweder auf der Strasse des 17. Juni schnurtracks gerade drauf zu machen kann oder man geht einen kleinen Umweg zum Reichstagsgebäude, wo man auch das Bundeskanzleramt sehen kann, die Charité, und weiter weg schon den Alex.

Berlin Alex veganinchen

Beim Brandenburger Tor angekommen sieht man (wenn man es „durchblickt“) auf der einen Seite wieder die Viktoria sowie die Strasse des 17. Juni und auf die andere Seite den Alex.

Berlin Brandenburger Tor veganinchen

Berlin Strasse des 17. Juni veganinchen

Berlin Alex veganinchen

Zu diesem Zeitpunkt war dann schon ein wenig mehr los, was die ganze Sache etwas weniger geheimnisvoll gemacht hat.

Einen noch kürzeren Fußmarsch entfernt befindet sich das Holocaust – Denkmal, welches fotografisch gesehen eine wunderbare Kulisse bietet, aber dennoch ein sehr trauriger Platz ist.

Berlin Holocaust Mahnmal veganinchen

Berlin Holocaust Mahnmal veganinchen

Fußläufig ist auch das Sony Center und der Potsdamer Platz erreichbar. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tiergartens – neben dem Bahnhof Zoo – steht die Gedächtniskirche. Dort erinnern zur Zeit hunderte Kerzen an den Terroranschlag im Dezember.

Berlin Gedächtniskirche veganinchen

 

Genug Sightseeing für heute, kommen wir zum besonders Interessanten.

Dieses Schild hängt bei Brammibal’s Donuts in Kreuzberg. Halleluja. Wir sind es gewohnt die gesamte Speisekarte zu durchforsten, dort nur Salat, Pommes oder Sauerkraut zu finden, welches dann mit Speck serviert wird. Ein Laden in dem man einfach alles essen kann ist eine ungewohnt glücklich machende Erfahrung.

Brammibal's vegan Donuts veganinchen

Wir haben Donuts gekauft wie die Wahnsinnigen, welche an Freunde verteilt und sogar welche mit heim geliefert.

Außerdem haben wir in einem veganen Bioburgerrestaurant diniert, in die Pizzeria wollten wir auch, die Zeit rannte uns aber davon. An vielen Restaurants in Berlin steht: vegan. Oder vegan/vegetarisch. Aber es gibt auch diese Läden in denen halbe Leichenteile offen verkauft werden. Auch auf Märkten. Ich kann das nicht mehr. Ich kann mir das nicht mehr anschauen wenn Fleisch offen rumliegt. Für mich ist das so, als würde dort ein offenes Herz oder eine gerade frisch abgestochene Menschenleiche liegen. Es ekelt mich an, es schockiert mich und ich finde es schrecklich, wie achtlos dennoch damit umgegangen wird. Einfach offen liegen lassen. Am Ende des Tages einfach weggeschmissen, wird es nicht zu Geld, ist dieses genommene Leben nichts mehr wert.

Vegane Supermärkte. Ja! VEGANE Supermärkte! Dort gab es sogar Mannerschnitten. Also sprich alles, was das Veganerherz weltweit benötigt. Meterlange Regale an Süssigkeiten. Eis mit Karamel. Käse. Joghurt, Tiefkühlpizza. Nebenan ein Obst – und Gemüsemarkt. zero waste Produkte, Biobaumwollkleidung. Vegane Bekleidungslinien, regionales Handwerk. Alles, was ich für mich und Family brauchen würde an einem Ort. Und etwas weiter, wieder. Gut mitgedacht, Berlin.

Und ganz toll: 2nd Hand. Wir waren dort in mehreren Läden. Einer hat es mir aber besonders angetan.

Erstens, weil er in einer alten Fabrikshalle in einem Innenhof versteckt liegt und zweitens:

Farblich sortiert.

Frau findet dort alles! Mann auch! Ich habe ca. fünfzig Kleider anprobiert (ich habe beschlossen mehr Kleider zu tragen da ich eine Frau bin). Fünf davon hab ich gekauft, eines aus den 50ern, ein Traum. Leggings, Hüte, Sonnenbrillen, Schmuck, Blusen, Jacken, Röcke, Schuhe, es gibt nichts, was es dort nicht gibt. Wenn frau ihre mehrstündige Anprobieraktion beendet hat wird die Kleidung abgewogen und es wird nach Gewicht abgerechnet. Soviel Spass und nachhaltige Freude mit Dingen, die bereits entsorgt wurden. Einfach wunderbar.

Wie auch schon im Barcelonabeitrag beschrieben, solche Erlebnisse geben mir einen kreativen Aufschwung und unglaublich viel Mut. Ich finde Individualität modisch ausgedrückt ganz wichtig und Berlin hat mir wieder so einen Schubs gegeben. Ich weiß dass ich im kalten Tal in Tirol die Ausnahme sein werde, anders sofort schlecht ist und es schwer ist bzw. ich es erst gar nicht probieren werde zu erklären, dass sie nicht der Nabel der Welt sind und es Orte gibt, wo bereits weiter gedacht wurde.

Denn genau so fühlte sich Berlin diesmal für mich an. 30 Jahre weiter und offener. Aus Klimagründen wird die Bevölkerung meiner Meinung nach bereits in ein paar Jahren gezwungen sein, ernährungstechnisch umzudenken. So wie momentan geht es nicht weiter, in keinem Fall. Und selbst wenn einem die Tiere und die eigene Gesundheit egal sind, der Planet auf dem wir leben kann im Endeffekt nicht egal sein. „Rinderwahnsinn“ 2.0 würd ich es fast benennen, was zur Zeit noch leise vor sich hin brodelt. Für ein Steak eine Riesenfläche Regenwald opfern und ein Wasserverbrauch, der 500 Vollbädern gleich kommt? Das geht sich nicht für immer aus. Während über Innenpolitik debattiert und über Flüchtlinge gehetzt wird, werden die Dinge vor denen man wirklich Angst haben muss – Klimaerwärmung und Artensterben – medial, politisch und privat (noch) ausgeblendet. Ich denke in nicht allzu ferner Zukunft werden die FleischesserInnen die Verweigerer sein und nicht mehr die VeganerInnen. Berlin hat das erkannt, aus welchen Gründen auch immer. Kann auch sein dass es einfach nur hip ist. Hip aber zufällig der Zukunft nützlich. Wahrscheinlich auch, weil in Berlin viele kluge Köpfe zusammenkommen, die gemeinsam erschaffen. Und sicher, weil die Nachfrage da ist. Ich habe einen Hund mit Rollstuhl gesehen. In Berlin gibt es also auch Tierärzte die dies möglich machen, während hierzulande ein Hund mit lahmen Hinterbeinen sehr wahrscheinlich eingeschläfert werden würde. Gab mir zu denken!

Berlin macht es auf eine Art wieder gut, was einem die TirolerInnen sagen: „Es bringt doch nichts!“ „Du allein kannst gar nichts ausrichten.“ „Es war schon immer so und wird immer so sein!“ „Du bist komisch weil WIR es so wie alle machen.“ Berlin sagt: „Mach weiter.“ „Erkenne wer du bist und was der andere mit dir macht und dann mach erst recht weiter.“

Berlin hat in mir auch wieder gewisse Sehnsüchte geweckt. Ausbildungstechnisch. Denn auch in diesem Bereich scheint es gibt es dort nichts, was es nicht gibt. Ich durfte einen kleinen Blick in eine Fernsehproduktion werfen. Dies hat mich inmitten dieser riesigen Industrie auch erkennen lassen, wo ich mich bewege und wo ich mich gerne bewegt hätte und würde, was ich dafür opfern müsste. Welche Vorteile eine Kleinstadt hat, welche Nachteile. Welch Kleingeist in mir und in meiner Umgebung herrscht. Wie man sich freiwillig fixiert und denkt, das ist alles was ich erreichen kann, frau eigentlich aber viel mehr erreichen könnte. Aber auch, dass man in dieser Masse eigentlich ein Niemand ist und dadurch, dass es so viele sind wahrscheinlich ganz viel Glück braucht um gesehen zu werden. Andersrum möchte ich auch gar nicht gesehen werden denn um nichts in der Welt möchte ich meine Ruhe opfern. Ich möchte gehört und gelesen werden, ja. Dazu sehe ich in Berlin größere Chancen, für mich sehe ich in Berlin aber auch zu wenig Bergseen, Moos und Wald, dafür zu viele Menschen und zu wenig Möglichkeit, wirklich allein zu sein. Um Berlin gibt es auch wunderschöne Natur, Binnengewässer die einen großen Erholungswert haben, viele Immobilien stehen am Wasser. Aber es gibt auch ganz viel Armut, Kriminalität, Menschen und Orte um die sich niemand kümmert. Das lässt mich auch nicht unberührt. Bei uns gibts zwar weniger Menschen, aber die Masse gibt es hier auch. Die Masse die es so macht wie alle, wie schon immer, weil das Hirn einschalten und laut „Moment mal“ zu rufen ist anstrengend und bringt einen eventuell in Schwierigkeiten. Alles verändert sich hier gefühlt nur sehr langsam, mit viel Mühe und deshalb hab ich zwei Seelen in meiner Brust. Atmen im Wald aber der Geist schwebt in einer Großstadt herum und saugt alle Impulse auf.

Hat mich ganz schön durcheinander gewürfelt. Aber das ist gut so. Richtig gut. Wie neue Samen in frischer Erde.

 

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