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Morgen ist der Tag, an der wir an unsere Verstorbenen denken. An die, die uns schnell und unverständlich entrissen wurden und an die, an die wir Jahre – Jahrzehnte danach immer noch denken.

Vor zehn Minuten kam ein Video via Facebook zu mir, welches zeigt wie ein totes Pferd auf einer Strasse liegt. Das Blut rinnt ihm aus dem Maul. Die Autos fahren mit einer brutalen und lauten Geschwindigkeit vorbei. Eine Tierschützerin aus Rumänien hat die Bilder festgehalten, sie rettet Hunde aus Tötungen und holt ausgesetzte Hunde von der Strasse.

Dies und die toten Tiere die mir täglich auf unseren Strassen begegnen versetzen mich zeitgleich in Trauer, in Unverständnis und Wut. Ich bin unendlich traurig über das verlorene Leben. Ich bin traurig über die Würdelosigkeit dieses Todes. Ich fühle Angst, dass dieses Lebewesen unter Höllenqualen gestorben ist – durch den Aufprall nicht gleich tot war, sondern noch lange da lag. Schmerzen und Angst erleiden musste und jedes vorbeifahrende Auto wieder eine potentielle Gefahr, Angst – und Schmerzquelle war. Ich war bei einem Auffahrunfall mit einem Reh dabei, ich habe mit diesem Reh diese Zeit miterlebt. Menschen haben nicht mal wegen mir angehalten. Sind versehentlich nochmal über das Reh drüber und dann weg. Obwohl sie mich gesehen haben. Viele dieser Tiere haben nur ein Bein verletzt und können nicht flüchten. So liegen sie in der Dunkelheit, in der Hitze, bis der Tod sie erlöst.

Unverständnis darüber, dass ein Geschäftstermin mehr wert sein kann als jemandem zu helfen, den man womöglich noch selber angefahren hat. Oder dem fehlenden Mut, dem verursachten Leid in die Augen zu blicken. Wieviel wert ist ein Leben? Das eigene viel, das andere nichts? Ist Geld oder ein verärgerter Geschäftspartner mehr wert als ein ganzes Leben? Vermutlich, denn auch ein gutes Essen ist das. Ja Wut, Wut kommt da schon auf. Aber gerade in letzter Zeit schützt sie mich, mich weiterhin von empathielosen Menschen in die Irre führen zu lassen. Die Wut grenzt mich von diesen Menschen ab, warnt mich Emotionen und Energie zu vergeuden, Argumente anzuhören, die keine sind und Rechtfertigungen auszusprechen, die keine sein müssten. Manchmal halte ich an, nehme das überfahrene tote Tier mit und begrabe es in einer Wiese. Der kalte Beton. Niemand möchte so enden.

 

Warum ich heute schreibe. Es gibt viele bereits tote Tiere – die nicht meine eigenen waren – aber an die ich sehr oft denken muss. Ein dreibeiniges Katzenbaby, welches gerettet wurde und es aus Schwäche doch nicht schaffte. Vögel, deren Hals abgeschnitten wurde. Ein Hund, der von einem Kind misshandelt wurde und von den Verantwortlichen nicht operiert wurde, weil diese das Geld lieber in teure Klamotten investierten. Der Hund verhungerte, weil er durch die Schmerzen nichts mehr fressen konnte. An die unsichtbaren Seelen, die Kaninchen in Miniboxen bei den Züchtern – die aufgrund Schönheitsfehler – abgeschlagen werden, an Tiere in den vergessenen Ställen vor den Häusern. Die Liste ist lang und wird länger.

Die Katze mit den Angstaugen

Einmal bin ich unsere Strasse runtergefahren und sah eine Katze ganz erschrocken neben einem Holzstapel sitzen. Sie hat mir direkt in die Augen geschaut, was für Katzen ja recht unüblich ist. In ihrem Blick war die pure Angst. Ich habe zu ihr gesagt sie solle bitte auf sich aufpassen. Als ich zehn Minuten später diese Strasse wieder zurückgefahren bin, lag sie neben der Strasse. Ich bin ausgestiegen, sie war tot, sie war noch warm. Ich habe in Panik überall geläutet. Warum eigentlich, frag ich mich im Nachhinein. Wenn die Tür geöffnet wurde wurde mir gesagt, das sei nicht ihre Katze und die Tür wieder geschlossen. Eine junge ängstliche Katze, tot. Jemand hat sie vor ein paar Minuten überfahren und ist weitergefahren. Nicht gemerkt? Wem erzählst du das? Weitergefahren, liegen gelassen. Keine Hilfe geleistet. Nur eine Katze. Ich werde ihren Blick niemals vergessen und es tut mir unendlich leid, dass ich sie zuvor nicht weggetragen habe oder wie auch immer ich hätte helfen können.

Die Kuh, die trotz Schmerzen aufstand

Ein weiteres Tier an welches ich oft denke, ist eine Kuh. Sie stand in einem Stall und hat laut geschrien weil sie Schmerzen hatte. Ich bin zu ihr und fragte, was los sei. Der Bauer meinte: Schlangenbiss und wie immer, Kühe „seien da nicht so“. Die sind ja dumm. Genauso wie sie zu mir sagten, sie würden es nicht merken wenn sie ihr ihr Kalb entreissen oder sie aufgeladen werden um zum Schlachter zu fahren. Kühe seien dumm. Die Kuh lag. Sie hatte Schmerzen. Als ich ihr nahe kam, stand sie unter diesen Schmerzen auf. Ich sagte zu ihr: Bitte, bitte wegen mir keine Anstrengung. Sie hat mich lange und intensiv angesehen. Ich habe mit ihr gesprochen und sie gestreichelt. Der Bauer hat sich im Hintergrund köstlich amüsiert und auch danach noch, am Stammtisch. Einen Tag später war sie tot. Ich habe es gespürt und ja, auch gehört.

Jessie

Als ich ein Kind war lebte ich in einem Hochhaus. Unter uns wohnte eine Familie, der Vater war schwer alkoholkrank und der Sohn drogenabhängig. Sie hatten eine Hündin, Jessie. Oft bin ich im Lift mit ihnen rauf oder runtergefahren. Während der ganze Lift nach Alkohol stank, schaute mich Jessie mit ihren Augen an. Mit den Augen die sagen, sie würde ihr Herrchen nie verlassen. Sie freue sich, mich zu sehen. Es geht ihr schlecht. Diese Minuten waren immer sehr schlimm. Denn ich wusste und hörte, was hinter ihrer Tür passierte. Der Mann schlug seine Frau und Jessie. Jessie bellte, wurde geschlagen. Sie verteidigte die Frau, wurde getreten und geschlagen. Türen krachten. Sie jaulte. Jessie hätte trotz dieser Hölle ihre Familie nie verlassen. Ich war ein Kind und hab so intensiv gefühlt wie jetzt. Ich konnte aber nicht eingreifen, das tut mir so leid. Ich weiß nicht mehr wie die Geschichte zu Ende ging, was stimmt und was nicht. Er wurde wohl eingesperrt, sie ist gestorben und Jessie? Was war mit Jessie?

 

Das alles trage ich an diesen Tagen – an denen wir der Verstorbenen gedenken – mit mir. Und auch an alle den anderen Tagen.

Wenn ein Tiertransporter vorbeifährt, fahren hunderte Leben an mir vorbei. Hannah von Sympathy at Slaughter dokumentiert und gedenkt damit einem Bruchteil dieser Leben. Ein paar konnte ich retten. Ein paar wenige Vögel, die nur halb verletzt waren. Viele verlorene Leben hab ich würdevoller als am Asphalt begraben. Ich bin auf der Suche nach Antworten, warum Menschen hinwegsehen oder gar nicht sehen. Warum Aus -, Abgrenzung und Egoismus ein so großes Gemeinschaftsgefühl auslösen dass damit Parteien gewählt werden. Es geht hier alles in eine falsche Richtung.

Ich lebe in einer Region die besonders feindlich gegenüber echten Emotionen und Menschen ist, die Dinge aufdecken und verändern wollen. Einer Region, in der mit Schönheit der Natur geworben und sie gleichzeitig brutalst und ohne Blick auf Nachhaltigkeit genutzt wird. Ich lebe in einer Region in der eine junge Frau die offen ihre Gefühle ausspricht, nichts wert ist. Genauso wie ein Tierleben. Ich lebe in einer Region die stolz darauf ist, sich selbst in Grund und Boden zu wirtschaften und wie mir in letzter Zeit auch immer wieder bewusst wird, selbst Gesetze mit ein bisschen Schnaps umgangen werden.

Offenbar war ich die Erste, die diesen Schnaps abgeschlagen hat. Offenbar bin ich die Erste, die nachgefragt hat mit welchem -nichtanwesenden – Flüchtling es hier eigentlich ein Problem gab. Offenbar bin ich die Erste die sich in tierquälerische Haltungen eingemischt und danach wieder eingemischt hat.

Ich bin aber sicher nicht die Erste die Angst bekommen hat, der Angst gemacht wurde. Vor dem wozu ihr fähig seid. Was im kleinen Ignorierten oder auch bewusstem Handeln beginnt, endet im Großen entsetzlich. Erinnert ihr euch? „Wehret den Anfängen“ hat mal jemand gesagt und nein, ich mache nicht mit beim Still sein.

 

In Liebe für all die verlorenen Leben, die die mir begegnet sind und die, die niemals jemand gesehen hat.

 

Titelbild: Animals Angels

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