Wir müssen euch in eurer Ruhe stören – ein Beitrag zum Aktivismus

„Die Neigung zur Aktivität und die Abneigung gegen jede Haltung des passiven Hinnehmens.“

definiert Karl Popper den Begriff des Aktivismus. Heute möchte ich versuchen meine emotionalen Gedankengänge und Ausbrüche der Vergangenheit geordnet zusammenzufassen und meine LeserInnen anzutippen, ob eventuell auch ihn Ihnen ein kleiner Funke glimmt.

Vorneweg, eine Demo ist eine bewegende Erfahrung. Aus vielerlei Gründen. Es nehmen sich Menschen Zeit (freiwillig und mit Engagement) um für etwas Schwächeres oder eine Verbesserung einer Situation einzutreten. Das ist heutzutage schon mal etwas Besonderes. Diese Menschen denken und fühlen sehr wahrscheinlich dasselbe oder so ähnlich wie du. Von vornherein ist da also ein Gefühl der unausgesprochenen Freundschaft, auch wenn man sich davor und danach nie wieder sieht. Bei manchen Demos wird getrommelt. Menschen basteln Transparente, verkleiden sich, starten Aktionen um Aufmerksamkeit zu erregen. Für einen Moment der Erschütterung der vorbeiziehenden Alltagsmasse. Das Beste allerdings ist das Gefühl, ENDLICH LAUT sagen zu dürfen was einen das ganze Jahr, ja die ganze Zeit zerreißt! Eine Stimme haben! Denen eine Stimme geben, die keine haben. Sich zu wehren für die, die sich nicht wehren können. Denen „da oben“ oder „rundherum“ klar zu machen, dass etwas Ignoriertes oder bewußt Kleingehaltenes doch wichtig genug ist, Wirbel zu machen. Dass eine Gegebenheit NICHT hingenommen wird. Das ist eine unbeschreiblich tolle Erfahrung und ich kann nur jedem empfehlen, sollte dein Herz für eine bessere Welt brennen (und nicht für das Gegenteil: den Hass, Blockaden, Lügen und Zerstörung), lass dieses Feuer nicht ausgehen.

Die Zuschauer machen alle große Augen. Die einen applaudieren, die anderen schauen schnell weg. Dann gibts die, die schimpfen: „Geht endlich arbeiten“, du rufst zurück: „Hab mir eh Urlaub nehmen müssen“. Sie schütteln den Kopf, wie furchtbar unwichtig die Sache doch ist, für die du eintrittst. Manche starren als hätten sie es nicht gewußt. Im Falle einer Pelzdemo stehen sie da mit ihren Eskimokrägen, offenen Mundes, waaas? Ein Tier musste dafür sterben? Diese Leute lesen dann die Flyer. Alle lesen die großen Transparente und alle hören zu. Egal wie, wir haben euch erinnert. Es wird nicht totgeschwiegen. Wir haben es nicht hingenommen. Es ist nicht fair, es braucht eine Veränderung. Und auch DEINE abweisende oder scheinbar ignorierende Haltung IST eine Reaktion.

Das definiert für mich Aktivismus. Viele Menschen (auch solche die es gut mit mir meinen) fragen mich immerzu warum ich gar so viel Energie hier investiere. Weil es notwendig ist. Ganz klar. Ich war auch schon oft versucht ein angepasstes Leben zu führen. Ja, es wäre einfacher nicht nachzudenken, nicht nachzuhaken, einfach nur nachzugeben. Bei Stammtischgesprächen den Mund zu halten und einfach mitlachen, so dumm das Geschwätz auch sein möge, so erhaben die Menschheit sich auch über andere definiert. Und manchmal frage ich mich selbst warum ich mich in den sozialen Medien immer wieder einmische obwohl ich doch weiß, mein Gegenüber muß meine Wortwahl teilweise erst ergoogeln bzw. antwortet mit persönlichen Beschimpfungen. Trotzdem. Ich habe die Kraft dies zu machen. Noch und hoffentlich für immer. Es ist ähnlich wie bei der Demo, auch eine negative Reaktion ist eine Reaktion und die Anerkennung, dass dieses Thema wichtig genug ist die Konfrontation zu suchen. Mag es auch ein Wunschdenken meinerseits sein, ich bilde mir ein dass manche Menschen mit denen ich auch unangenehme Gespräche geführt habe, später drüber nachdenken.

Dann gibts noch die Stimmen der besorgten Mitmenschen: „Mach das nicht, was ist das für ein Bild nach außen, was sagt dein Arbeitgeber, deine zukünftigen Arbeitgeber finden das heraus, Polizei? Dann ist das ja auch noch gefährlich …“ „Na du machst privat ja schon soviel Wirbel, muss das jetzt auch noch öffentlich sein?“ Mein Lieblingszitat: „Sei nicht so laut, sei einmal zufrieden, du kannst nichts ändern!“

Das Bild nach außen? Ich möchte ganz ehrlich auch irgendwann sagen können, dass mein Kind ein solches Bild nach außen abgibt. Ein Mensch der sich einsetzt, der seine Empathie spürt und darauf hört, kein grauer Niemand in der Masse. Jemand, der versucht etwas zu bewegen und im Versuch auch schon bewegt. Das ist ein sehr schönes Bild nicht nur nach außen! Ein grauer Fleck oder ein buntes Bild welches zum Nachdenken verführt? Was ist schöner? Vor Jobverlust bzw. „profiling“ zukünftiger Arbeitgeber habe ich keine Angst. Das ist so, als würde mir jemand sagen, erschieß das Reh und ich gebe dir Geld. Oder: Zieh dich aus und ich gebe dir Geld. Das mache ich nicht. Ich stehe dazu dass ich mich einsetze und Prinzipien habe. Natürlich kann es sein, dass ich zukünftig gezwungen bin Kompromisse einzugehen, aber man kann mein Inneres nicht löschen, genauso wenig werde ich jemals ein Zeichen löschen, dass ich für ein leidendes Wesen gesetzt habe. Zur Gefährlichkeit ist zu sagen, ein bisschen Gefahr ist immer dabei. Allerdings: bei einer Demo gegen Gewalt wird von unserer Seite mit hundertprozentiger Sicherheit keine Gewalt ausgehen. Eher ist es so dass die Polizei uns Schutz gibt vor den wütenden, die wir „in ihrer Ruhe stören“.

Aktivismus findet sich in vielen Bereichen, muss auch nicht immer laut und mit viel Radau sein. Persönliche Gespräche, online, Leserbriefe, anderen vorleben, sich selbst oder zB das Auto als „Erinnerungsfläche“ benutzen, Kampagnen starten, Infostände in Einkaufsstrassen, Firmen anschreiben, selbst journalistisch tätig werden. Warum es mich seit Jahren zu bestimmten Arten von Medien zieht hab ich auch erst jetzt verstanden. Sie sind wie eine Online Demo. Oder eine nur hörbare oder eine nur lesbare Demo die sehr viele Menschen erreicht. Sie sind ein ständiges Erinnern eines noch zu bearbeitenden Sachverhaltes. Ein konsequenter Ausruf: Nein, es ist nicht egal.

Natürlich ist es schwierig. Du schwimmst im kalten Wasser gegen den Strom. Du willst dich nicht treiben lassen. Schwierig auch a) nicht zu verzweifeln und b) nicht aggressiv zu werden. Bei beidem bin ich noch dabei herauszufinden, wie das geht. Andererseits braucht es diese starken Gefühle um das Feuer am hohen Lodern zu halten. Da tut es gut, Menschen an seiner Seite zu haben die auch so empfinden.

An all Menschenrechts -, Umwelt -, TierrechtsaktivistInnen dieser Welt: Danke! Ihr bewegt was und ihr bewegt mich so sehr, dass ich weitermachen kann. Ich bedanke mich auch dafür, dass dies in unserem Land überhaupt möglich ist und all jenen die sich bei den Wahlen dafür entscheiden! Ein paar tausend Kilometer weiter würde die Sache ganz anders aussehen. Gäbe es keinen Aktivismus (auch von Einzelpersonen) wären in unserer Geschichte viele wichtige Dinge nicht verbessert worden bzw. würden sich auch jetzt noch schneller wieder verschlechtern als vielen lieb und bewußt ist. Gerade Frauen dürfen das niemals vergessen.

Nicht ungesagt lassen möchte ich meine negative Haltung gegenüber „Abwarten“, „Ehnichtstunkönnen“, „isthaltso“, bewußte Verleugnung und in manchen Fällen sogar das Feiern und Sich Erheben gegenüber einer schwächeren Partei. Damit meine ich als konkrete Beispiele das sich Lustig machen, Verharmlosen oder sogar Verherrlichen von direkter und indirekter Menschen und- Tierquälerei, Mobbing, Haterkommentare, stolzes Grinsen mit Pelzkragen – Grillsteak – überfahrenen oder erschossenen Tieren („mir doch egal“) und  nicht zuletzt und sehr aktuell: das Propagieren eines rechts – gesinnten Gedankenguts in diffusen oder noch dümmer: sehr transparenten Postings. Das Prominent – Machen einer solchen Haltung bzw. einer ignorierenden Haltung ala Kardashian finde ich höchstbedenklich, gerade bei einem jungen oder unreflektiertem Publikum. MedienanwältInnen haben in Zukunft vermutlich noch einiges zu tun.

Zum Abschluss möchte ich einen Screenshot posten, den ich vor ein paar Jahren gemacht habe. Ein Bild, das mich besonders berührt hat. Die DemonstrantInnen halten tote, weggeschmissene Versuchstiere in Händen. Sie stehen eine Stunde in den Hauptstädten an gut frequentierten Plätzen. Ich habe dabei auch schon teilgenommen und es ist … so schwer und so voller Liebe.

aktivistin

Aktivismus kostet Kraft und Mut, ist aber niemals umsonst.

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